Kapitel: 4. Jennewitz von 1945 bis 1990

Die LPG „Roter Oktober“

Die Gründung einer Jennewitzer LPG erfolgte im Vergleich sehr spät. Während zum Beispiel Wichmannsdorf zu den Gründungspionieren in Mecklenburg zählte, war der Druck zur Gründung einer LPG in Jennewitz offensichtlich nicht sehr hoch. Dies hatte paradoxer Weise mit der MAS/MTS im Ort zu tun.

Die MTS waren der staatliche Motor zu LPG-Gründungen. Sie brauchten zum effzienten Einsatz ihrer Technik und neuen Technologien auch adäquate Partnerbetriebe. Da wurden die Neubauern mit ihren 7 bis 10 Hektar Ackerfläche und den entsprechend winzigen Schlaggrößen schnell zu Hemmschuhen der Entwicklung. Auch wenn dieser Satz auch aus einer zeitgenössischen Propagandazeitung stammen könnte, die Fakten und daraus resultierenden Schlüsse sind logisch und nachvollziebar. Aber wieso begünstigten diese Rahmenbedingungen eine Sonderrolle für Jennewitz?

Zweite treibende Kraft für LPG-Gründungen in den Dörfern waren die Örtlichen Landwirtschaftsbetriebe, die kurz ÖLB genannt wurden. Mit diesen Staatsbetrieben wurden die Flächen bewirtschaftet, die dem staatlichen Bodenfond zufielen. Das waren Flächen, die nicht mehr von ihren Eigentümern bewirtschaftet wurden. Warum landwirtschaftliche Nutzfläche von damaligen Eigetümern aufgegeben wurden lässt sich nicht in wenigen Sätzen darlegen. Das werde ich später in einem separaten Artikel versuchen zu beschreiben.

In Jennewitz blieb die von der ÖLB bewirtschaftete Fläche unter dem Durchschnitt weil zum einen wenige Neubauern ihre Zukunft in Westdeutschland sahen und zum anderen die MTS vor Ort war. Neubauern, die feststellen mussten, dass ihnen die Landwirtschaft nicht liegt, fanden dort Arbeit mit und an moderner Technik ohne wegziehen zu müssen. Für ihre Landwirtschaften fanden sich Wege zur Bewirtschaftung. Die ÖLB-Fläche im Ort wurde von der MTS quasi nebenher bewirtschaftet.

1957 war die Zeit dann anscheinend auch in Jennewitz reif zur LPG-Gründung. Wie in allen Dörfern war die ÖLB ineffektiv und nicht Zeitgemäß. Zur Gründung eines Volkseigenen Gutes, unter dem Kürzel VEG besser bekannt, war der Jennewitzer ÖLB viel zu klein. Also wurden auf mehreren Einwohnerversammlungen die Neubauern des Ortes „weichgeklopft“, bis im November 1957 die zuständigen Stellen den Startschuss zur Gründungsversammlung gaben.

Die Gründung der LPG
Am 6. November 1957 wurde in Jennewitz die Gründungsversammlung abgehalten und protokolliert. Anwesend waren:

  • 11 werktätige Bäuerinnen und Bauern,
  • 11 Arbeiterinnen und Arbeiter des ÖLB und
  • 10 Volksvertreter der Gemeinde Jennewitz.

Leiter der Versammlung war der Bürgermeister der Gemeinde Jennewitz, der Kollege Brüssow.

1957-Faks Grundungsprotokoll
Beratend waren anwesend: Die Kollegen

  • Plagemann, Sekretär der SED Kreisleitung im MTS-Bezirk Jennewitz,
  • Schwanbeck als Vertreter der SED Kreisleitung,
  • Golombeck, Direktor der MTS Jennewitz,
  • Holf, Oberagronom der MTS Jennewitz und
  • Brüssow.

Nachdem der Kollege Plagemann ein politisches Grundsatzreferat gehalten hatte wurden unter Bezug auf zwei vorangegangenen Versammlungen noch letzte Einzelheiten erörtert.

Anschließend erklärten sich von den Anwesenden bereit, eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft zu gründen:

  • Erwin Guske, geboren 1936 in Schweslin (Hinter-Pommern);
  • Wilhelm Trede, 1910 in Hohen-Niendorf;
  • Anni Trede, 1908 in Perleberg;
  • Anna Maleck, 1935 in Lüttenklein;
  • Paul Warnke, 1909 in Vielitz;
  • Rudi Timpe, 1908 in Berlin;
  • Friedrich Jörn, 1935 in Jennwitz;
  • Marie Jörn, 1912 in Fulgen;
  • Paul Thiel 1941(?) in Bergental;
  • Werner Kramer, 1926 in Kröpelin;
  • Ruth Warnke, 1942(?) in Neunburg;
  • Anni Timpe, 1910 in Diedrichshagen;
  • Hans-Ulrich Jörn, 1932 in Jennewitz;
  • Richard Trede, 1908 in Lehnenhof;
  • Rose Thiel, 1906 in Großleschnow;
  • Hedwig Wirkus, 1909 in Polnisch und
  • Anton Büge, 1891 in Drenow.

Der erste Mitgliederbeschluss, der neugegründeten LPG war, dass jedes Mitglied 0,5 Hektar Gartenland am Haus zur individuellen Bewirtschaftung er- bzw. behält, nachdem eigenes Land und Vieh als Geschäftsanteile in die Genossenschaf gegeben wurden.
Ferner wurde auf der Versammlung beschlossen:

  • Kommissarischer Vorsitzender, bis zur späteren Wahl eines Vorsitzenden, wurde der Agronom in der MTS, Kollege Hartmann.
  • In den Vorstand der LPG wurden gewählt: Kollege Timpe, Wirkus, Paul Warnke und Büge.
  • In die Revisionskommission wurden gewählt: Kollege Kramer (Vorsitzender), Richard Trede und Guski.
  • Das Statut der LPG wurde bestätigt und von allen Mitgliedern unterschrieben.
  • Die LPG trägt den Namen Roter Oktober.
  • Sitz der LPG ist Jennewitz

Die Versammlung begann um 19:20 Uhr und endete 24:00 Uhr.
Das Protokoll wurde von den Gründungsmitgliedern und dem Bürgermeister Brüssow unterzeichnet.

Das Statut
Mit der Gründung der LPG wurde auch das Statut als Rechtsgrundlage für die Arbeit der Genossenschaft beschlossen. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um ein angepasstes Musterstatut, das von den staatlichen Stellen zur Verfügung gestellt wurde.

Das Gerüst des Dokumentes aus markiger, politischer Propaganda sollte nich darüber hinwegtäuschen, dass dort der Genossenschaftsgedanke als Basis verankert wurde. Genossenschaften waren keine „kommunistische Erfindung zur Unterdrückung des Volkes“, wie manchmal suggeriert wird, sondern seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine beliebte Rechtsform für landwirtschaftliche Betriebe. Dieser bedienen sich bis heute sogar Banken.

In der ungekürzten Kopie des Originalstatutes von 1957 kann sich jeder Interessent selbst eine Meinung zu den damaligen Vorgängen bilden:
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Letzte Änderung: 16. Februar 2014;