Kapitel: 2. Das Mittelalter

Wie wurde Jennewitz Besitz des Klosters Doberan?

Die ganz kurze Antwort lautet, volkstümlich ausgedrückt: »nichts genaues weiß man nicht«. Wo es an Fakten fehlt, lässt es sich prima spekulieren. Auch ich habe mir meine Meinung zu dem Thema längst gebildet. Bekannt ist lediglich, dass Jennewitz als Bojanewitz erstmalig 1192 urkundlich erwähnt worden sein soll. [Quelle: Stadtverwaltung Kröpelin]

Der langwierige und durchaus auch blutige Prozess der Christianisierung unserer Region wird heute oft in wenigen Sätzen dargestellt. Dabei wird suggeriert, dass die Slawenfürsten vor lauter Glückseligkeit, endlich den „wahren Glauben“ gefunden zu haben, der Kirche riesige Ländereien geschenkt hatten. Ich bin da anderer Auffassung. Wie so oft ist das echte Leben viel komplizierter. Die gesamte Komplexität, die in dem Thema steckt, darzustellen würde sicher Bücher füllen. Ich werde dennoch versuchen, am Beispiel von Jennewitz einige Aspekte aus diesem Themenkomplex differenziert zu betrachten. Wer es einfach möchte: Die letzten Absätze dieses Artikels relativieren das Nachfolgende ein wenig.

Wie eine straffe, zentralistische Organisationsstruktur, wie wir sie aus den römisch geprägten Teilen Mitteleuropas im frühen 2. Jahrtausend kennen, bei den Slawen ohne Schrift funktioniert haben soll, erschließt sich mir nicht recht. Eine solche ist aber Voraussetzung für das gängige Geschichtsbild. Meiner Überzeugung nach war Landbesitz bei den Slawen irrelevant. Warum sollten sie Besitzansprüche auf eine Ressource, die im Überfluss vorhanden war, mit großem Aufwand verwalten? Da stelle ich mir die damalige Struktur eher basierend auf regionale Familienclans innerhalb der Stämme vor, wie man sie heute aus den Bergregionen Mittelasiens kennt. Die Zentralgewalt der Großfürsten beschränkte sich weitestgehend auf den militärischen Sektor.
Die Fixierung auf unmittelbaren Landbesitz machte erst Sinn, als die Christen die Region dominierten. Deren Verwaltung, die katholische Kirche, basierte (und basiert noch heute) auf den absoluten Besitz materieeller Werte, wobei der uneingeschränkte Landbesitz die wichtigste Ressource war. Die Steuerung der Ressource „Mensch“, funktionierte alleine durch das ideologische Monopol der Kirche höchst effizient. Dadurch war eine absolute Bevormundung, wie die von Sklaven oder den späteren Leibeigenen gar nicht notwendig.

So war es den, mehr oder weniger zwangsbekehrten, Stammesfürsten der Slawen ein Leichtes, den Speerspitzen der Kirche – den Klöstern – Land zu überlassen. Dieses war für sie ohnehin wenig werthaltig. Die Aussicht als weltlicher Herrscher in das das neue System integriert zu werden und somit Macht mit Segen der Kirche über ihre Stämme zu behalten, ließ ihnen die Entscheidung zur Konvertierung leicht fallen.

Wenn man die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse in Mitteleuropa als erstrebenswertes Ziel der damaligen Menschen voraussetzt, war die Christianisierung der Region ein deutlicher Fortschritt. Die unter der kirchlichen Regie einsetzenden wirtschaftlichen Verbesserungen dürften auch ein nicht unwesentlicher Faktor für die schnelle und relativ reibungslose Integration der slawischen Urbevölkerung in das christliche System gewesen sein. Der durchaus im weiträumigen Kontext der Geschichte der frühen Kolonisation slawischer Gebiete dokumentierte und oft auch erbitterte Widerstand der Slawenstämme war, in historischen Dimensionen gesehen, doch relativ kurz und gering. Dass diese Auseinandersetzungen im 13. Jahrhundert mit der Bekehrung der Slawen und der Integration von Teilen ihres Brauchtums in die christliche Weltanschauung endete, ist unstrittig.

Die Geschichte des Doberaner Klosters ist ein beredtes Beispiel für Kampf und Integration. Seine Geschichte ist durch den Klosterverein gut dokumentiert, sodass ich mich an dieser Stelle auf den Verweis dorthin beschränke (siehe auch: Link in der Randleiste).
Es fällt mir leicht zu glauben, dass die Menschen auf dem Hof Jennewitz die neuen Verhältnisse als Fortschritt begriffen. Hilfreich dazu war sicherlich die Strategie der Kirche, langfristig und pragmatisch zu denken. Teile slawischer Sitten und Bräuche wurden toleriert oder sogar in das Christentum integriert. Dabei ging die Kirche sogar soweit, den intellektuellen Spagat zu wagen, mal am 22. März und ein anderes Mal am 25. April oder einen Tag dazwischen, die Auferstehung ihres Religionsstifters zu feiern. Nie hätten sie es bei den „Bojanewitzern“ und den anderen Heiden durchsetzen können, deren wichtiges Frühlingsfest auf ein fixes Datum zu verlegen, geschweige denn es aufzugeben. So wird in Jennewitz – wie seit Jahrtausenden – am ersten Vollmond nach der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche das Frühlingsfest mit den alten Fruchtbarkeitssymbolen (Eier, Hasen) gefeiert. Wenn die Christen glauben, an diesem Tag ist zufällig Jesus auferstanden – sollen sie doch, das stört ja niemanden.

Die Urkunden, die Besitzansprüche des Klosters Doberan zementierten, sind allesamt Kopien, die teilweise 200 Jahre nach ihrer Datierung angefertigt wurden. Angeblich nach Originalurkunden aus dem Gedächtnis eines kirchlichen Würdenträgers, der jemanden kannte, der mal von jemanden gehört hatte, der … Geschrieben wurden diese Dokumente im Kirchenamt Schwerin und beglaubigt vom Schweriner Bischof. Also in etwa, als wenn ich von meiner Sekretärin eine Bescheinigung über Zinszahlungen für meinen Urgroßvater vom Gutspächter Jennewitz aus dem Jahr 1883 schreiben lasse, aus denen sich auf eine Schuld von 100.000,- Mark schließen lässt, diese höchstpersönlich beglaubige und als Erbe meines Urgroßvaters die Schuld von der Kröpeliner Stadtverwaltung einfordere.
Die Kirche war damals natürlich schon so clever, nicht einfach eine tumbe Fälschung einer Schenkungsurkunde anzufertigen, sondern beurkundete eine Aufstellung von tributpflichtigen Dörfern der Region – also eine Steuererklärung. Wenn Jennewitz dem Kloster tributpflichtig war, setzt das den Besitz der Ländereien voraus. Damit wäre der indirekte Beweis für die Besitzansprüche erbracht.

Letztlich ist die Frage, ob das Kloster durch Fälschung und Betrug zu seinen Ländereien gekommen ist, eher akademischer Natur. Der Volksmund hält für derartige Situationen den Spruch bereit: »Wie gewonnen, so zerronnen!«
Bekanntermaßen schoss sich die katholische Kirche durch ihre Reformunfähigkeit und maßlos übersteigerte Gier nach irdischen Gütern zur Mitte des 16. Jahrhunderts selbst ins Aus. Zumindest bei uns – andere Regionen beißen sich noch heute an Normen und Dogmen aus dem Mittelalter fest. Aber auch diese Länder mussten die Trennung von Staat und Kirche – zumindest auf dem Papier – hinnehmen. Die Reformation, die zur dauerhaften Spaltung der Christen führte, war eindeutig hausgemacht. Irgendwann haben auch die treu-dümmsten Anhänger einer Ideologie mal die Nase voll.

Geschichtlich gesehen entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die Auswirkungen der Glaubenskämpfe um das wahre Christentum zu Beginn des 17. Jahrhunderts, die letztlich in den Dreißigjährigen Krieg mündeten, bei uns weit verheerender und blutiger waren als der gesamte Prozess der Christianisierung.


Letzte Änderung: 2. Januar 2018;