Maße und Mengen im 19. Jahrhundert.

Aus der Sichtweise des heutigen, globalisierten Weltbürgers waren die früheren Maßeinheiten äußerst verwirrend in ihrer Vielfalt und Herleitung. Hat doch fast jeder Herrscher von seinem „Recht von Gottesgnaden“ zu willkürlichen Entscheidungen auch bei der Festlegung von Maßen und Mengen rege Gebrauch gemacht. So zählt das Onlinelexikon Wikipedia alleine für das Längenmaß Meile 68 Unterscheidungen auf, die von 1.482 Meter für eine Römische Meile bis 11.299 Meter für eine Norwegische Meile reichen. Diese Vielfalt findet man auch bei anderen Maßen, wie Massen, Flächen, Volumen, Gewichte, Geld usw.

Die Weltwirtschaft war, bis zum 20. Jahrhundert jedoch nicht sehr globalisiert und die meisten Bauern und Gewerbetreibenden früherer Zeiten sind kaum aus dem Einflussbereich ihres Herrschers hinausgekommen. Daher spielte es damals keine Rolle, wenn neben der Geographischen Meile von 7.420 Meter, das im späteren 19. Jahrhundert für Mecklenburg gültige Entfernungsmaß, noch 67 weitere Meilen anderorts gültig waren.

Mit welchen Größenordnungen operierten die Jennewitzer des 18. und 19. Jahrhunderts? Die bereits erwähnte Geographische Meile, die übrigens der Länge von 1/15 Grad des Erdkreises am Äquators entspricht, unterteilten sie in 1618 Ruthen, was einer Rutenlänge von etwa 4,6 Metern entspricht. Die Rute, wie sie später geschrieben wurde, teilten unsere Vorfahren in 16 Fuß auf. Damit war ein Fuß fast 29 cm lang, was wohl auch jeder damalige Zeitgenosse einfach nachvollziehen konnte. Dies weniger aus eigenen Messungen am Äquator, sondern mehr an seinen Fußabdrücken. Die Crux ist: Es gab Ruten en masse. Daher kann man heute Maßangaben aus historischen Quellen nicht exakt auf das metrische System umrechnen. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts waren in Mecklenburg als Längenmaß im Gebrauch: die Mecklenburger Waldrute mit 4,66 Meter, die Rostocker Waldrute mit 4,60 Meter und die Preußische Waldrute mit 5,02 Meter. Den Jennewitzern war weitestgehend egal, welches Rutenmaß durch ihre Verwaltung verwendet wurde. Sie haben ohnehin nicht nachgemessen. Auch war die Fehlerquote bei den damals üblichen Feldvermessungen mittels Rutenschlägen, also mit einem Messzirkel, enorm. Zumindest für heutige Maßstäbe. Exaktere Messverfahren waren Sache weniger Spezialisten, die für kartografische Institute oder das Militär tätig waren.

Als Raummaß für schüttfähige Güter galt der Scheffel, wobei es schon damals wohl keine eindeutige Definition für einen Scheffel gab. Der Herr eines jeweiligen Messverfahrens, wie Gutsherr, Stadtvogt, oder Reeder hatte seinen Scheffel, zumindest bis mit der deutlichen Ausweitung des Handelsvolumens auch in Mecklenburg eine eindeutige Volumenmaßeinheit immer notwendiger wurde. Im Geographisch-statistisch-historischen-Handbuch des Mecklenburger Landes von Gustav Hempel aus dem Jahr 1837, wurde der Scheffel beschrieben. Im unterstehenden Ausschnitt des Originaltextes ist ersichtlich, welch ein Muster an Präzision und Eindeutigkeit der Autor gefunden hatte (¿):

Zeitgenössische Beschreibung des Scheffel
[Gustav Hempel; Geographisch – statistisch – historisches Handbuch des Mecklenburger Landes; von 1837]

Die heutige Fachliteratur gibt für den Scheffel eine Bandbreite von 23 bis 220 Liter an, wobei der Mecklenburger Scheffel 50 – 60 Liter Rauminhalt gehabt haben dürfte. Später wurde der Rostocker Scheffel mit 39 Liter als Referenzmaß verwendet. Richtig interessant wird es, wenn wir in Betracht ziehen, dass der Scheffel auch gängiges Flächenmaß war. Dabei müssen wir uns vor Augen führen, dass die Alt-Jennewitzer, wie auch die meisten ihrer Zeitgenossen, mit den uns geläufigen metrischen Maßen nichts anfangen konnten. Von solch intuitiven Größen wie zum Beispiel dem Fuß oder der Elle träumt heute jeder Schüler, wenn er sich den Kopf zerbricht über die Umrechnung von Millimeter in Dezimeter. Der Scheffel als Flächenmaß ist nicht minder intuitiv, weil er eine Fläche beschreibt, die mit einem Scheffel Getreide besät werden kann. Ein ebenso intuitives Flächenmaß, das manchmal noch heute verwendet wird, ist der Morgen. Heute mit 2.500 m² als Viertel Hektar klar metrisch definiert, beschrieb er ursprünglich die Fläche, die mit dem Ochsengespann an einem Vormittag zu bepflügen war. Wenn diese Flächenmaße aus heutiger Sicht einen recht hohen Toleranzbereich haben, spielte das für für die zeitgenössischen Landwirte bis ins 19. Jahrhundert eine untergeordnete Rolle. Fläche zur landwirtschaftlichen Nutzung war im Übermaß vorhanden, der begrenzende Faktor war der die Fläche bewirtschaftende Mensch.

1868 war der Spuk mit den vielen Größenordnungen vorbei – theoretisch. Zwar wurden in dem Jahr die uns heute geläufigen, metrischen Maße auch in Mecklenburg per Gesetz verbindlich aber wie das mit neuen Gesetzen in Mecklenburg so war: Noch Hundert Jahre später wurde gerne mit Größen wie Zentner, Pfund, Dutzend, Zoll und Morgen hantiert.

Deutlich übersichtlicher für die meisten Jennewitzer des 12. bis 17. Jahrhunderts waren die monetären Verhältnisse. Sie hatten kein Geld, brauchten aber auch keines! Geld hatte im Mittelalter nur in den Hansestädten zum Handeln, sowie für die Hochherrschaften für überregionale Geschäfte, Pachten und Steuern eine Bedeutung. Für die Knechte und Mägde auf den Gütern und Bauernhöfen herrschte Naturalwirtschaft vor.
In Mecklenburg wurde erst Mitte des 14. Jahrhunderts das erste Geld geprägt, Münzen, die mit den Pfennigen in anderen Ländern etwa gleichwertig waren und Finkenaugen genannt wurden. Größere Summen wurden zuerst gewogen. Mark Gold oder Mark Silber waren der Standard, wobei lange Zeit die Mark (kölnisch = 233 g) eher als Masseeinheit zu verstehen war, bis sie zur Basiswährung wurde. Ab 1468 wurden in Rostock die ersten Schillinge „geschlagen“, für die man jeweils 16 Finkenaugen im Tausch hinlegen musste. 48 Schillinge konnten später gegen einen Taler eingetauscht werden. Im Gebrauch war auch „ausländisches“ Geld, wie der Gulden, der im Süddeutschen Raum gebrächlich war.

Nach der Reformation sickerte peu à peu auch die Geldwirtschaft in die domanialen Dörfer. Die ersten waren die Domänenpächter, die ihren Verpflichtungen monetär nachkommen mussten. Später wurden auch den Hauswirten und Kossaten Geldleistungen auferlegt.
Eine Wertvorstellung der Währung im 17. Jahrhundert vermittelt der Hofanschlag von 1598. Dort wurde das gesamte Vieh (120 Rinder, 77 Schweine, 372 Schafe, 98 Gänse und 138 Hühner) auf 350 Taler geschätzt. Die gesamte Getreideernte wurde mit rund 700 Taler bewertet. Darunter 11 Drömpt (rd. 60 Zentner) Gerste mit 211 Taler. Auf dieser Grundlage hatte der Schilling einen Gegenwert von 3,5 kg Gerste.

Die Beschäftigung mit historischen Maßeinheiten wird schnell buchfüllend. Eine eindeutige Umrechnung in heutige metrische Maße ist oft unmöglich, weil die Menschen damals anders dachten als wir in der Gegenwart. Variabel war einfach alles. Es machte einen oft beträchtlichen Unterschied, wann eine Maßzahl genannt, wo sie aufgeführt, was sie beschrieb und welche Berufsgruppe sie verwendete. Um die Größenordnungen wenigstens ansatzweise unterscheiden zu können, wurde ihnen oft der Ort ihrer Verwendung vorangestellt, z. B. Rostocker Scheffel, Hamburger Fuß, Wismarsche Elle, Lübecker Pfund usw. Die nachfolgende Liste soll wenigstens einen groben Überblick verschaffen.

In Mecklenburg gebräuchliche Maße vor Einführung der metrischen Maßeinheiten:

  • Ballen: Papierzählmaß bis 1877 = 10 Ries =200 Buch = 4800 Bogen (Schreibpapier)
  • Drömpt: Hohlmaß, entsprechen 12 Scheffel = 468 Liter
  • Dutzend: Zählmaß, = 12 Stück
  • Elle: Nach landesherrlichen Verordnungen galt für die Mecklenburgische Elle die Hamburger Elle = 0,573 Meter
  • Faden: Aus der Nautik stammendes Längenmaß, in Deutschland auch Klafter genannt. Ursprünglich eine Armspanne, später auf 6 Fuß festgelegt. In Mecklenburg eher räumliches Holzmaß, 6 Fuß in Höhe und Breite und einer Länge von 2 Fuß, sodass es 72 Kubikfuß ergab. Basis war meist der Lübecker Fuß.
  • Faß: Zeitlich, regional und inhaltsabhängig stark schwankendes Volumenmaß. Eine Umrechnung auf Liter kann eigentlich nur im Kontext erfolgen.
  • Fuder: Volumenmaß, insbesondere im Weinhandel, Ursprünglich eine Fuhre (Zweispänner), in Mecklenburg ca. 825 l, aber auch eine Fuhre Heu.
  • Fuß: uneinheitliches Längenmaß, zwischen 0,286 bis 0,314 Meter.
  • Groß: Zählmaß, = 144 Stück
  • Hufe: In Mecklenburg kein normiertes Maß, sondern ein Bauernhof, der eine Familie ernähren kann. Wenn Fläche, dann als Mecklenburger Hufe mit 25 Morgen (15 ha) bestimmt
  • Last: Getreidemaß, vorwiegend im Seeverkehr, Ursprünglich ein Getreidefuhrwerk, später auf ca 2 t vereinheitlicht.
  • Mandel: Zählmaß, = 15 Stück
  • Meile: Längenmaß, Geografische Meile = 7532,5 m
  • Morgen: Ursprünglich ein Stück Land, dass an einem Vormittag gepflügt werden konnte. Später länderweise normiert, in Mecklenburg um 6000 m², ab 19. Jh. einheitlich 2500 m² (Viertelhektar).
  • Pfund: Masseneinheit, bis zur Einigung auf metrische 500 g Mitte 19. Jh. regional uneinheitlich, in Mecklenburg-Schwerin 484,7 g
  • Rute: in Mecklenburg Schwerin meist die Rostocker Waldrute mit 4,60 m
  • Scheffel: regional und zeitlich stark schwankendes Hohlmaß, vorwiegend für Getreide. In Mecklenburg zuletzt rd. 39 l. Aber auch Flächenmaß für Getreideacker, zur Steuerbemessung.
  • Schilling: Währung, 48 Schilling = 1 Taler
  • Schock: Zählmaß = 60 Stück
  • Taler: Basiswährung bis 1871, jedoch zeitlich und regional unterschiedliche Münzfüße.
  • Zentner: Masseneinheit, Ableitung von centum (Hundert), Basis in der Regel Pfund, 1 Ztr. =100 Pfund
  • Zoll: Längenmaß, Vielzahl von alten Maßeinheiten im Bereich von zwei bis drei Zentimetern. Meist ist es der zwölfte Teil eines Fußes.

[Quelle: Wikipedia]

Eine gute Zusammenstellung historischer Maße und Gewichte Mecklenburgs bietet das freie Online-Lexikon Wikipedia:
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Letzte Änderung: 19. August 2017