Das Jennewitzer Gutshaus

Das genaue Baujahr konnte ich bisher noch nicht in Erfahrung bringen, vieles deutet aber auf eine Errichtung unmittelbar nach 1872 hin. Durch französische Kriegsreparationen zu Geld gekommen, investierte das Schweriner Herzoghaus unter anderem auch in die Bausubstanz seiner Domänen. Gebaut wurde das Haus als Wohnsitz der Pächterfamilie und deren Bedienstete.

Über die Bebauung vor dem jetzigen Bestand ist mir nichts bekannt. Vor 1712 wohnte der Verwalter, der in der Regel mehrere Gutshöfe zu verwalten hatte, offensichtlich nicht in Jennewitz. Daher machte ein Wohnhaus mit repräsentativem Charakter erst Sinn, als der Hof an gut situierte Zeitpächter gegeben wurde. Davor haben auf dem Hof wohl die klassischen, mecklenburgischen Hallenhäuser gestanden.

Eine Kurzbeschreibung

Das heute zu bestaunende Gebäude wurde sehr sorgfältig und solide gebaut. Neben lot- und waagerechten Nivellements, exaktem Sichtmauerwerk, und einer wirkungsvolle Feuchtigkeitssperre über den Felsenfundamenten wurde auch eine solide Deckenkonstruktion realisiert. Viel Aufwand wurde auch mit der Gestaltung der großzügig bemessenen Stichbogenfenster betrieben. Etwa ein Drittel des Gebäudes wurde mit einem Keller in Gewölbebauweise untermauert. Dann gab es einen Bruch in der Bauweise. Mit Errichtung des Dachstuhles hatte der Bauherr wohl kein Geld mehr. Jedenfalls wurde dort zu schwaches und vor allem zu wenig Holz verbaut, sodass es im Laufe der Zeit zu extremen Durchbiegungen und Absenkungen im Dach kam.

Die Bewohner

Bis 1945 haben in dem Haus verschiedene Pächter gewohnt, die eine Domänenpacht oft als Sprungbrett zum Erwerb einer eigenen Landwirtschaft ansahen. Durch diesen steten Wechsel der Pächterfamilien, die ohnedies kein Eigentumsverhältnis zum Gut aufbauen konnten, haben einzelne Pächter auch keinen bleibenden Spuren an Architektur oder Landschaft hinterlassen.

1945 requirierte die Rote Armee das Gutshaus und nutzte es als Außenstelle der Garnison Wustrow. 1947, als die Sowjetunion den Großteil ihrer Streitkräfte in die Heimat holte und sich mit ihrer Besatzungsarmee in unserer Region auf den Standort Wustrow beschränkte, gab sie den Standort Jennewitz auf.

In Gesprächen, die ich zwischen 2000 und 2005 mit Gottlieb Galinat führte, einem Jennewitzer der als Kriegsflüchtling in den Ort kam, erzählte er mir aus dieser Zeit. Er konnte sich gut an den Zustand des Hauses erinnern, als die "Russen", wie man die Soldaten der Roten Armee damals lieber nicht öffentlich bezeichnen sollte, den Standort aufgaben. So stank es im Haus fürchterlich, auch weil die Soldaten einen Raum als Latrine nutzten, in dem sie ihn wie einen Stall mit Stroh auslegten. Das "Ausmisten" haben sie dann ihren "Nachmietern" übererlassen.
Im Gutshaus kamen danach Kriegsflüchtlinge unter, so auch Gottlieb Galinat, der zwischenzeitlich seine spätere Frau kennengelernt hatte. Die junge Familie bekam nicht nur Land aus dem ehemaligen Gut im Rahmen der Bodenreform, sondern auch Nachwuchs. Als Neubauern bekamen sie 1949 eine Hälfte des ehemaligen Pferdestalls des Gutes zugeteilt, den sie zu einem kombinierten Wohn- und Stallgebäude ausbauten.
Heute wohnt der älteste Sohn der Familie, Claus Galinat mit seiner Ehefrau auf dem Anwesen.
Über die Familie Galinat berichte ich an dieser Stelle etwas ausführlicher, weil sie zum einen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gutshaus lebt und zum anderen ein gutes Beispiel für die Geschichte von Bodenreformbauern ist, mit denen viele ehemalige Güter nach dem Zweiten Weltkrieg aufgesiedelt wurden.

Umbaumaßnahmen zu Beginn der 1950er Jahre

Ab 1948 wurde das Gutshaus, das sich zu der Zeit in Trägerschaft der MAS befand, im Inneren gravierend verändert. Dem Trend der Zeit folgend, wurde der Süd-West-Flügel zu einem Saal für Versammlungen und kulturelle Veranstaltungen umgebaut. Um im Saal eine offene Bühne, mit separatem Zugang, zu bekommen, wurde der innere Kellerzugang zugeschüttet und nach außen verlegt. Im Obergeschoss wurden Wohnungen und Lehrlingsunterkünfte hergerichtet. Lehrlingsunterkünfte deshalb, weil die MAS Lehrlinge von auswärts ausbildete. Der Rest des Erdgeschosses wurde zu Büros und einer Gemeinschaftsküche ausgebaut, die bis 1953 im Gutshaus sogenanntes Werkessen zubereitete.

Für die Umbaumaßnahmen fertigte das zuständige Planungsbüro Bestandszeichnungen vom Gutshaus an, auf denen die ursprüngliche Raumaufteilung mit Stand 1949 dokumentiert ist:

1953 übernahm die Gemeindeverwaltung die Trägerschaft für das Haus und betrieb im Erdgeschoss einen Kindergarten, wie man damals Kindertagesstätten nannte. Im Erdgeschoss fanden auch das Gemeindebüro und das Büro des Leiters der MTS Platz. Das Dachgeschoss wurde weiterhin zu Wohnzwecken genutzt. Um eine räumliche Trennung zwischen Erd- und Dachgeschoss zu bewirken, musste die Innentreppe einer Konstruktion mit Zugang von der Rückfront des Hauses weichen.

Die Nachbarin
Ruth Kanschat

Gleichfalls untrennbar mit der Nachkriegsgeschichte des Gutshauses verbunden ist Ruth Kanschat, geb. Handkammer (1928 – 2009). Ihre Familie verschlug es, infolge der Kriegsvertreibungen, 1945 aus dem Ostpreußischen Katzwalde nach Jennewitz. Dort arbeitete sie zunächst als Gemeindeschwester für das Deutsche Rote Kreuz (DRK), dem sie ihr Leben lang aktiv verbunden blieb. Das DRK baute Ende der 1940er Jahre in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gutshaus eine Gemeindeschwesterstation mit Wohnung. In diesem Haus lebte Ruth Kanschat mit Ihrer Familie bis zu ihrem Tod 2009.
Mit Einrichtung des Jennewitzer Kindergartens 1953, übernahm Frau Kanschat die Leitung für diesen. In dieser Funktion prägte sie viele, heute gestandene Jennewitzer, die bei Ihr die ersten Schritte zu "sozialistischen Staatsbürgern" lernten.
Meine erste persönliche Begegnung mit ihr hatte ich Mitte der 1970er Jahre, als ich in Jennewitz einen Erste-Hilfe-Lehrgang absolvierte, den sie leitete. Den Lehrgang mit bestandener Prüfung abgeschlossen, erhielt ich, wie die anderen Lehrgangsteilnehmer auch, den sogenannte DRK-Schein. Ohne diesen gab es keine Fahrerlaubnis, wie man damals zum Führerschein sagte.
Mit großem Interesse verfolgte sie die von mir getätigten Sanierungsmaßnahmen ab 1999. In ungezählten Gesprächen erfuhr ich von ihr viele Geschichten und Anekdoten, aber auch sachliche Hintergrundinformationen und Fakten. Vieles davon findet sich in dieser Chronik wieder.
Zum Abschluss der Sanierungsarbeiten bekam ich von ihr eine umfangreiche Fotodokumentation der Umbau- und Sanierungsarbeiten geschenkt.

Die Nutzung bis zur Privatisierung

In den 1960er Jahren zogen die Gemeindeverwaltung und der Kindergarten nach Diedrichshagen. Die LPG Roter Oktober schloss sich der LPG Freie Erde mit Sitz in Kröpelin an, sodass im ganzen Erdgeschoss die MTS-Verwaltung residierte. Die Trägerschaft lag weiterhin bei der Gemeinde, die über den Saal und die Wohnungen im Dachgeschoss verfügte. Dies meines Wissens aber immer in enger Kooperation mit der MTS und deren Rechtsnachfolger KAP Kühlung und LPG (P) Kühlung.

1982 verlegte die LPG (P) Kühlung ihren Sitz nach Kröpelin. Danach wurde das Erdgeschoss vorerst noch als Ferienlager und Unterkunft für Saisonkräfte, später kaum noch genutzt. Die Ausnahme war der Saal, bis zur Grundsanierung des Hauses für Feierlichkeiten genutzt wurde.

Nach 1989 mietete die sehr aktive DRK Ortsgruppe Räume im Ostflügel und nutzte diese, sowie später auch den Saal, für ihre Aktivitäten bis zur Kündigung, die wegen der anstehenden Sanierung zu 1999 erfolgte. Das Dachgeschoss diente bis zum Jahr 2000 zu Wohnzwecken, wurde aber nach und nach, wegen des sich abzeichnenden Verfalls freigezogen.

Nach der sogenannten Wende, also ab etwa 1990 stritten sich die Gemeinde Jennewitz und das Land Mecklenburg-Vorpommern gerichtlich um die Eigentumsrechte an dem Gebäude. 1995 bekam das Land Mecklenburg-Vorpommern das Gutshaus letztinstanzlich zugesprochen.

1998 kaufte die Grundstücksgemeinschaft Ulf & Rosemarie Lübs das Gutshaus mit zugehörigem Grundstück. Nachdem im Jahr 2000 die letzten "Mieter" per Gericht zum Auszug bewegt werden mussten, war der Weg für die Grundsanierung des Anwesens frei.

Anhang

Gutshaus Jennewitz 2013
Das zentrale Gebäude der Domäne, das Gutshaus in einer Aufnahme von 2013



Artikel aktualisiert am 06.09.2018